Karin Schmidtke berichtet aus den Flüchtlingscamps auf der Balkanroute

Veröffentlicht am 08.12.2015 in Ortsverein

Karin Schmidtke (von links), Majdi Abdaoul, Mirko Witkowski und Peter Schimak.

Schramberg. Auf Einladung der AWO und des SPD Ortstvereins Schramberg berichtete die Schenkenzeller Fotografin und Journalistin, Karin Schmidtke über ihre Erfahrungen, die sie während einer Reise entlang der Balkanroute gemacht hat. Ergänzt wurde der Bericht um eine fachliche Einschätzung durch den Diplom-Psychologen Peter Schimak. Er beleuchtete die Frage, wie es den Flüchtlingen und den Helfern in dieser Ausnahmesituation geht.

Mirko Witkowski, Vorsitzender des SPD Ortsvereins Schramberg, begrüßte die Gäste und freute sich darüber, dass so viele Besucher zur Veranstaltung gekommen waren. „Ein Foto hatte den entscheidenden Anstoß gegeben“, begann Karin Schmidtke ihren Vortrag. Ein Vater mit blutverschmiertem Gesicht, der sein Kind trägt. Im Hintergrund ungarische Polizisten und Grenzanalgen. Karin Schmidtke hielt den Anblick nicht aus. „Ich muss da hin!“, sagte sie zu ihrem Mann. Sie begann damit, Hilfsgüter in ihren PKW zu laden. Ein guter Freund gab 500 €. Es gingen noch mehr Spenden ein. Das Netzwerk Willkommen half über ein Spendenkonto. Aus dem PKW wurde schließlich ein kleiner Bus. Wochenlang sammelte sie Kleider und Schuhe. Freunde halfen beim Packen. Der Keller füllte sich mit Hilfsgütern. Am 1. Oktober fuhr Sie dann los. Alleine. Sie hatte keinen Mitfahrer gefunden. Katrin Schmidtke berichtet über ihre Ankunft im Flüchtlingslager Opatovac in Kroatien. Sie hat sich dort beim Roten Kreuz als freiwilliger Helferin angemeldet. Von der Hilfsorganisation bekam sie eine Weste. In die linke Tasche steckte sie sich Socken, für Babys und Kleinkinder, um sie je nach Bedarf verteilen zu können. In der rechten Tasche fand die Kasperpuppe ihres Enkelkindes Platz. Als „verrückte Nudel“, wie sie sich selbst bezeichnete, zog sie mit der Puppe durch das Lager, und versuchte die Kinder, die Sie antraf ein wenig abzulenken und ihnen ein klein wenig Freude zu machen.

Im Camp traf sie dann auf Majdi Daboul. Der stand da, in alten schmutzigen Klamotten und einer Plastiktüte in der Hand. Als Kontrast dazu hatte er seine Geige dabei. Diese hatte er irgendwie retten können. Die beiden wurden Facebookfreunde. Wochen später haben die beiden sich in Deutschland wieder getroffen. Und sogar zum Vortrag nach Schramberg konnte Majdi DAboul kommen. Eigentlich wollte er dort auf seiner Geige etwas vorspielen doch leider hatte er eine Verletzung an der Hand, so dass er darauf verzichten musste. Majdi Daboul ist aus Syrien geflüchtet und hat dort alles hinter sich gelassen. „Ich habe erlebt, was Krieg bedeutet, und nicht nur in den Medien davon erfahren“, erklärte er auf Englisch. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schlimm das ist und ich kann es euch auch nicht beschreiben.“ Auf der Flucht hat er viele Tote gesehen, und er hat erlebt wie Kinder ertrunken sind. Jetzt möchte er ein neues Leben anfangen. Er ist Stylist und hofft bald wieder in diesem Beruf arbeiten zu können.

Im Flüchtlingslager hat Karin Schmidtke vieles gesehen, was sie nie wieder vergessen wird. Sie erzählte wie sie gemeinsam mit anderen Schuhe und Kleidung verteilt hat. Im strömenden Regen und bei kalten Temperaturen warteten rund um die Uhr die Menschen. Aber es waren zu wenige Schuhe da. Sie musste entscheiden, wer die Schuhe bekommen sollte und wer nicht. Manchmal konnte sie nur helfen, indem sie mit Plastiktüten und Klebeband alte Schuhe reparierte.

Kinder spielten im Lager kaum, diese waren dafür viel zu erschöpft. Kinderlachen war kaum zu hören.

Sie hat achtjährige Kinder gesehen, die sich verhielten wie Erwachsene. Als sie ihnen Spielzeug anbot, wurde es abgelehnt. „Das ist für Kinder“, sagten die Achtjährigen. Peter Schimak ergänzte hier, dass Kinder in solchen Extremsituationen schneller erwachsen werden müssen und auch werden. Was dabei aber zurück bleibt ist die Kindheit, die für eine gesunde seelische Entwicklung sehr wichtig ist.

Karin Schmidtke erlebte mit, wie Familien getrennt wurden, weil die Polizei die Nerven verlor. Sie sprach mit Männern, die Ihre Familien irgendwo auf der Flucht verloren hatten und nun weinend auf dem Boden saßen und nach ihrer Mama riefen. Peter Schimack erklärte in diesem Zusammenhang, dass Traumatisierungen zu einer Rückwärtsentwicklung führen können. Die Menschen sind dann nicht mehr in der Lage, als Erwachsene Entscheidungen zu treffen. Das erklärt warum Erwachsene Männer dann nach ihrer Mutter rufen. Karin Schmidtke berichtete, wie die Menschen teilweise wie Vieh getrieben werden. „Man ist im Flüchtlingsstrom gefangen und kommt nicht mehr raus.“, beschrieb sie die Situation. Menschen, die aus Bulgarien und Mazedonien ankamen, hatten Verletzungen, weil sie dort von der Polizei verprügelt wurden. Auch die Kinder. „Das darf in Europa doch nicht passieren!“, forderte sie.

Sie erlebte aber auch die gute Zusammenarbeit in einem internationalen Helferteam. „Das Team habe ich so erlebt, wie Europa sein sollte!“, stellte sie fest.

Als Karin Schmidtke sich auf den Rückweg machte, wählte sie nicht den direkten Weg. Sie wollte sehen, wohin die Flüchtlinge mit Bussen gebracht werden und wie der Rest der Strecke bis nach Deutschland aussieht. Als sie dann in Wien angekommen war und sah, dass alle versorgt und trocken waren. Und dass sogar Kinder wieder spielten, war sie davon so überwältigt, dass sie vor Freude weinen musste.

Peter Schimak weiß darauf hin, dass die meisten Helfer viel Empathie mitbringen. Und diese sei auch eine wichtige Voraussetzung. Doch die Empathie alleine sei nicht genug. Denn auch Helfer könnten traumatisiert werden.

Trotz ihrer teilweise schlimmen Erfahrungen war sich Karin Schmidtke aber sicher, dass auch viel Gutes zurückkommt und es sich auch für den Helfer lohnt, sich zu engagieren. Sie war sich darin sogar so sicher, dass sie im November zu einer zweiten Tour aufbrach. Am Schluss ihres Vortrages stand der Appell: „Wir müssen den Frieden in unserem Land wahren! Wenn wir Banken retten können, können wir auch Menschen retten.

 

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